Feminismus

Mir reicht’s! – *istischer Normalzustand in unserer Gesellschaft

Inhaltswarnung: Sexuelle Gewalt, Rape Culture, Schilderung von Gewalt-/Vergewaltigungsfolgen, Nutzung von gewaltvoller Sprache 

Wenn man etwas nicht will, muss man das deutlicher machen. Er wusste ja nicht, dass sie das gar nicht wollte. [...] Es1 war nicht in einer schutzlosen Lage. Es hätte weglaufen oder Hilfe rufen können, aber es hat alles über sich ergehen lassen. Das reicht nicht, um jemanden zu bestrafen.

Mit u. a. diesen Begründungen wurde am Montag ein Mann aus Marl, der ein 15-jähriges Mädchen vergewaltigt hat, von der Richterin frei gesprochen.

Wir leben in einer Rape Culture. Denn es reicht nicht, “nein” zu sagen, wenn eine Frau* kein Sex haben möchte und dann vergewaltigt wird, damit ein Vergewaltiger verurteilt wird. Sexualisierte Gewalt ist in unserem Land quasi straffrei. Es gibt sozusagen den Vergewaltigungs-Freifahrtschein für jeden Mann*2, der das mal machen möchte. Es ist schon ein Wunder, dass sich eine Frau* traut, ein solches Verbrechen anzuzeigen, denn die Scham, die Schuldgefühle, die Schuldzuweisungen aus dem direkten Umfeld, das Nicht-Glauben einer Vergewaltigung oder dauerhafter sexualisierter Gewalt, hindert die meisten Frauen daran, den juristischen Weg einzuschlagen.

Das ist schrecklich. Das ist schlimm. Das ist unfassbar. Das ist zum Kotzen!

Mindestens genauso zum Kotzen ist die allgegenwärtige Ignoranz gegenüber diesem Unrecht in meinem Alltag. Außerhalb meiner feministischen Bubble interessiert es nämlich keine Sau, dass das zum Teufel nochmal himmelschreiendes Unrecht ist, dass ein Vergewaltiger unbehelligt durch den Park um die Ecke spazieren darf, während die Frau, die sexuelle Gewalt erfahren hat, in ihrer Integrität zutiefst verletzt wurde und dieses Trauma vermutlich ein Leben lang mit sich herum schleppt.

Es gibt schon Artikel dazu, zum Beispiel bei Karnele. Aber es kann niemals genug Artikel geben zu der Tatsache, dass *istische Strukturen in unserer Gesellschaft der Normalzustand sind.

Fällt das Thema mal im Gespräch mit Kolleg_innen, “Freund_innen” höre ich dann Sachen wie “das muss man objektiv betrachten”, “lass das nicht so an dich ran”, “wir leben nun einmal in einem Rechtsstaat”, “in dubio pro reo“. Ich habe die Schnauze voll von euch, ihr die so etwas sagt, ihr, die über Vergewaltigungen Witze macht, ihr, die sexistische Werbung “total lustig oder ironisch findet” und ihr, die Blackface an Theatern total oke findet, denn das ist es verdammt nochmal nicht!

Ich verstehe nicht, warum euch dieser Zustand nichts ausmacht. Ich verstehe nicht, wie ihr morgens in der Bahn beim Kaffee einen Artikel in der Zeitung or whereever lest, und dann euren Kaffee herunterschluckt und eurem Sitznachbar sagt “naja, da müssen schon beide Seiten berücksichtigt werden”, denn schließlich leben wir in einem “Rechtsstaat”.

Fickt euch. Zieht Leine mit eurem Rechtsstaat, zieht euch mit eurer, ja so gerechten! Justiz und der so coolen Gesellschaft in eure ignorante Bubble zurück, aber verschont mich mit eurem Sermon, wenn ihr euch nicht darüber empört, dass die Vergewaltigung eines 15-jährigen Mädchens* eine grausame, juristisch zu ahnende Tat ist, aber de facto unsanktioniert bleibt. Fickt euch, wenn ihr Race Profiling nicht sau-mäßig scheiße und rassistisch findet und hört auf mir solche Sachen zu sagen wie “naja, aber da gibt’s ja schon die Fälle soundso”.

Mir reicht’s! Mir reicht’s, dass Rassismus, Sexismus, Rape Culture und generell *Ismen in unserer Gesellschaft als normal gelesen und hingenommen werden.

Betroffene sexualisierter Gewalt brauchen medizinische, psychotherapeutische Unterstützung. Die ist aber begrenzt. Es gibt einen maximalen Stundensatz, den die Kasse genehmigt und dann ist Schluss. In den meisten Fällen. Organisationen, die sich um Betroffene rassistischer polizeilicher Gewalt kümmern, bekommen die Gemeinnützigkeit nicht anerkannt, weswegen sie keine Spendenquittungen ausstellen können. Die Bundespolizei darf Fahrgäste “gezielt aufgrund ihrer Hautfarbe” kontrollieren und das Gericht in Koblenz findet das richtig.

Es ist nicht richtig! Ich verstehe nicht, warum das keine_n interessiert!


Ich habe auch mal angezeigt. Warum schweige ich dazu? Warum weiß das keine_r, außer meiner Freundin? Weil wir in einer Rape Culture lebe. Ich sehe es aber nicht mehr ein, meinen Mund zu halten!

Ich habe eine Vergewaltigung in Tateinheit mit schwerer Körperverletzung angezeigt.

Das Verfahren wurde nach nicht einmal 4 Wochen eingestellt, da nicht nachgewiesen werden konnte, dass “die Verletzungen” (Verbrennungen, Würgemale) “auf Fremdverschulden zurückzuführen seien”.


Ich habe die Schnauze voll davon, dass sich nicht jede_r Einzelne da draußen empört darüber, wie beschissen, sozial und juristisch ungerecht der Umgang mit *Ismen in unserer Gesellschaft ist und wie der Unrechtsstaat dieses Klima legitimiert.

1 Es = das Mädchen. Ein Es halt.
2 Nein, ich gendere das nicht. Nein!

Edit: Sprache stellenweise geändert.

12 Gedanken zu “Mir reicht’s! – *istischer Normalzustand in unserer Gesellschaft

  1. Vor ein paar Jahren musste ich feststellen dass ein Freund von mir zwei seiner Freundinnen in der Beziehung vergewaltigt hat. Das hat mich empört, bestürzt und sehr hilflos gemacht. Meine Solidarisierung mit dem Opfer hat mich sozial isoliert. Teile meines alten Umfelds pflegen immer noch Umgang mit dem Täter. Auch das belastet mich immer noch.

    Mittlerweile merke ich dass die Mehrheit der Frauen, die ich gut genug kenne um so etwas zu erfahren, mindestens eine sexualisierte Gewalttat hinter sich hat. Allein in meinem Freundeskreis sind das mehr als ich mit zwei Händen abzählen kann.

    Ich bin wütend und traurig. Ich weiss nicht mehr was ich tun soll. Ich fühle mich mit meiner Wut so allein.

    • Hallo anonym,

      unglaublich viel Danke für deinen Kommentar. Hat mir die Tränen in die Augen getrieben.

      Ich kann verstehen, dass du dich alleine fühlst. Vor allem die Wut ist manchmal kaum zu ertragen.

      Kennst du die Initiative für Gerechtigkeit bei sexueller Gewalt? Vielleicht hättest du Lust dort zu partizipieren? Nur, falls das für dich eine Option ist. Ich habe für mich die Erfahrung gemacht, dass, seit ich mich engagiere (wie auch immer) und vor allem mit Mitaktivistinnen, die Wut erträglicher geworden ist.

      Ansonsten kannst du mir auch gerne mal schreiben. Oder dich jederzeit hier in den Kommentaren melden.

      Alles Gute!

  2. Pingback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » “Rechtsstaat zieh Leine”, Widerstand, Feminismus und was heißt hier politisch korrekt? – Die Blogschau

  3. Danke für den Ragepost. Tut gut, so was zu lesen.

    [...] Gelöscht [...]

    Ich bin froh wenn jemand so deutliche Worte findet wie du. Das tut gut. Die Berichterstattung und die Reaktion im Internet™ hat mir schon zugesetzt. Ich hab auch den Fehler gemacht, mal in die Kommentare im law blog reinzuschauen. Dass da keine Triggerwarnung drüber steht. Echt ey.

    Danke <3

    Ich habe Teile des Kommentars gelöscht: Derailing.
    Wenn du möchtest, dass der Kommentar in editierter Form gelöscht werden soll, bitte melden.

  4. Pingback: Sammelmappe » Blog Archive » Kein Ausweg aus der Falle

  5. Danke dir! So sehr! Genau das, genau das, denn warum the fuck ist eigentlich vielen so vieles egal? Es kotzt mich an, dass die Leute in meinem Umfeld – gebildete Menschen – so nen Kackscheiß den die Medien verzapfen einfach hinnehmen. Wenn die Zeitung es sagt, wirds schon so richtig sein. Wenn die im Fernsehen zeigen, dass es ok ist, wenn Schlägern wie Chris Brown nen Freifahrtschein zu geben, dann ist das bestimmt ok. Mein Gott noch mal.

    Dank Menschen wie dir kann ich meine eigene Meinung besser in Worte fassen und besonders verstehen, was falsch ist und wieso. So fett sind die Überreste meiner Bubble noch.

  6. Ja, die Mehrheit unterdrückt die Minderheit, das ist immer wieder empörend. Nur gibt sich die Mehrheit üblicherweise nicht die Blöße, ihre Heuchelei zuzugeben. Damit wenigstens der Schein gewahrt wird, wenn schon nicht die Gerechtigkeit.
    Aber das Erschreckende an diesem Urteil ist, daß die Unterdrückung noch nicht einmal verborgen wird. Der Logik der Urteilsbegründung folgend hätte das Mädchen also die verbale Ebene (die ja ausreichen sollte) verlassen müssen und sich auf die Ebene der Gewalt begeben – auf der sie dem ohnehin schon kräftigen Mann hoffnungslos unterlegen war. Sie hätte also die Wahl gehabt zwischen Vergewaltigung (nicht wehren) und Gewalt + Vergewaltigung (wehren, zusammengeschlagen werden und dann nicht mehr wehren). Und genau so funktioniert doch Unterdrückung: man wählt zwischen zwei Übeln das kleinere.
    Wenn das Sozialdarwinisten als funktionelle Logik akzeptieren, ist das schlimm genug. Wenn eine Juristin (!) das als Legitimation akzeptiert, ist das ein Skandal.

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  8. DANKE !!!! Du sprichst mir aus der Seele!!!
    Werde selbst nochmal einen Artikel dazu verfassen, das muss verbreitet werden!
    Eine Schande für das Land, dass Opfer nicht ernst genommen werden, ihnen Lügen vorgeworfen werden – und die Täter davon kommen…
    Habe es selbst erlebt – es kam noch nicht mal vor Gericht, das Verfahren wurde eingestellt, weil die Lügengeschichte des Täters mehr wert war als meine…..

    LG

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