Tenthousand Spoons stellt den Betrieb ein

Nach gut über einem Jahr stelle ich dieses Blog ein.

Ich hatte mir diesen Ort geschaffen, um aus anonymer Perspektive kritische Artikel zu schreiben. Mit meinem vorherigen Klarnamen-Blog bekam ich sehr schnell Probleme vor allem auf der Arbeitsstelle, wo feministischer respektive gesellschaftskritischer Aktivismus nicht so gern gesehen war. Die Folgen davon waren Mobbing, ständige Seitenhiebe, sodass ich irgendwann auch aus diesen Gründen meinen Job kündigte.

Ziemlich rasch nach der Eröffnung dieses Blogs bekam ich Nachrichten über meinen Facebook-Klarnamen-Account geschickt, wie toll man meine Beiträge fände. Ich habe mich sehr über das Feedback und die Verlinkungen gefreut und die haben mich auch sehr gepusht.

Andererseits wurde mir klar, dass ich meinen Wunsch nach Anonymität nicht klar genug kommuniziert hatte. Hätte ich das getan, wäre es wahrscheinlich nicht so schnell passiert, dass der Personenkreis, der weiß, wer hinter diesem Blog steht, so schnell wächst. Das aber hat zu Dingen geführt, die mir nicht gut getan haben. Versteht mich bitte nicht falsch, ich schreibe gerade nicht, um irgendwelchen Leuten Vorwürfe zu machen. Ich weiß, dass hinter dem Weitertragen von Informationen in den meisten Fällen keine böse Absicht steckt. Und ich weiß auch, dass Eingeweihte wiederum auch ihren Eingeweihten-Kreis haben, dem sie vertrauen und das finde ich wichtig.

Ich habe gestern nach langer Überlegung auch meinen Fake-Facebook-Account gelöscht, der eng mit diesem Blog verknüpft ist. Ich habe den Account nicht mehr öffnen können, ohne Panik zu haben. Es lief sehr lange Zeit ganz automatisch, dass ich mit Angst dieses Facebook öffnete. Und vorgestern habe ich mich quasi erwischt dabei, wie selbstverständlich diese Angst geworden ist. Und das hat mich alarmiert. Das ist nicht gesund für mich. Einige von euch wissen, dass ich seit 20 Jahren u. a. an Depressionen und Angststörungen leide. Diese Online-Aktivitäten im Übermaß gehen nicht konform mit der dringenden Notwendigkeit, auf meine Gesundheit aufzupassen.

Meine nächste Maßnahme war, noch einmal in meinem Facebook-Klarnamen-Account “aufzuräumen”, sodass ich dort jetzt wirklich nur noch mit Menschen verbunden bin, die ich entweder real kenne oder mit denen ich viel über diese Plattform und diesen Account kommuniziere (auch auf die Gefahr hin, dass mir das – mal wieder – Menschen übel nehmen, ich möchte darauf gerade keine Rücksicht nehmen).

Hinzu kommt, dass mit dieser Existenz, dem Dasein, Agieren u. a. auf Facebook (mit dem Fake-Account) irgendwann ganz selbstverständlich Erwartungen an mich heran getragen wurden (wieder kein Vorwurf, sondern sachliche Feststellung, ich finde das nur all zu logisch, dass das passiert) und es wurden zu viele. Ich habe aufgrund der Lohnarbeitssituation (zumindest bis vor meiner Kündigung) nur begrenzte zeitliche Ressourcen übrig. Und diese Ressourcen, habe ich für mich festgestellt, muss ich sorgsamer einteilen.

Mein “reales” Leben hat gelitten und vor allem meine aktivistischen Tätigkeiten dort. Ich lese kaum noch (ich meine sowas wie Bücher), spiele nicht mehr Klavier und meine Freundin sitzt zu oft abends alleine im Wohnzimmer. Weil ich denke, ich muss noch hier eine Mail schreiben und da jemanden anmotzen und hier wieder wem erklären, was Sexismus ist. Selbst ein Projekt, das eigentlich meinem Empowerment dienen sollte (ich kann da leider nicht viel öffentlich zu schreiben, weil ein Leaken sehr unfair wäre) wurde zur Druckmaschine für mich. Wieder Diskussionen, wieder streiten, wieder verletzt werden, wieder andere verletzen, wieder erklären, erklären, erklären, entschuldigen). Es ist mir zu viel.

Ich mache das gerne weiter, aber ich möchte das auf einige wenige Projekte und vor allem auf solche im “Real Life” reduzieren. Diese sind mir auch deshalb so wichtig, weil es mir dank einer guten Therapie seit einigen Monaten möglich ist, dort – wenn auch in Maßen – im “realen Leben” aktivistisch unterwegs zu sein.

Weil viele Texte von hier noch verlinkt sind und es mir vor allem wichtig ist, den Wir Sind Klasse-Text nach wie vor an vielen Stellen stehen zu haben, bleibt das Blog online, ich werde aber keine Artikel mehr verfassen und keinen Blick mehr ins Backend werfen.

Macht’s gut und passt auf euch auf.